HISTORISCHER HINTERGRUND

Die über Jahrhunderte politisch und militärisch umkämpften europäischen Grenzen hatten sich in den optimistischen Jahren der Europäischen Union zu durchlässigen grünen Landstrichen entwickelt, durch die man von beiden Seiten hinüber und herüber wechseln konnte. Politisch und auf der Landkarte blieben die Grenzen gültig und bestehen. Grenzen bleiben auch im Gedächtnis der Menschen und der Länder erhalten. Die kulturelle und wirtschaftliche Geschichte der Länder, die diese Grenzen einschließen, ist lebendig und entwickelt sich beständig fort. Dem Grenzland kommt bei dieser Entwicklung eine besondere Bedeutung zu. Hier zeigt sich die Kunst des Zusammenlebens, muss die Randlage überwunden werden und findet der Austausch statt, der das gegenseitige Verständnis erhält.

Die Region, die das deutsch-tschechische Projekt Im Zentrum ins Auge gefasst hat, liegt an einer solchen Grenze im östlichen Mitteleuropa. Der Titel Im Zentrum spiegelt die geografische und kulturelle Lage des Gebietes, das jahrhundertelang Sprachgebiet von slawischen (Polen und Tschechen) und deutschen Völkern (Schlesiern) war. Bis 1918 teilte die Grenze Schlesien, das auf der einen Seite preußisch, auf der anderen österreichisch regiert wurde. Nach 1918 wurde das österreichische Schlesien Teil der neugegründeten Tschechoslowakischen Republik und fiel unter die Bezeichnung Sudetenland, die ab 1918 für die deutschsprechenden Regionen der Tschechoslowakei verwendet wurde. Das preußische Schlesien (Ober- und Niederschlesien) auf der anderen Seite gehörte zu Deutschland, d.h. zum Freistaat Preußen der Weimarer Republik. Mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 in Deutschland und dem „Münchner Abkommen“ 1938 folgten die Einverleibung des Sudetenlandes ins Deutsche Reich und der Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei. Mit dem Überfall Nazideutschlands auf Polen 1939 wurde der Zweite Weltkrieg ausgelöst.

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945 bis zum Ende des Jahres 1946 wurde die deutschsprechende Bevölkerung der sich neu gründenden Tschechoslowakei enteignet und vertrieben. Das „Grenzland“ erlebte die Vertreibung der deutschen Bevölkerung auf beiden Seiten seiner einst schlesisch-schlesischen Grenze, die nun zur streng bewachten tschechisch-polnischen Grenze wurde. Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs, daraus hervorgehend der Beitritt Tschechiens und Polens zur Europäischen Union, hat sich die Grenze wieder geöffnet. Die Regionen auf beiden Seiten der Grenze, der tschechischen und der polnischen, haben bisher ihre jeweils sehr eigene Entwicklung genommen. Die Kenntnis voneinander, sei es auf tschechischer oder polnischer Seite, ist nicht gerade groß. In Deutschland wie in Tschechien selbst ist dieser Teil des Landes, des ehemaligen Sudetenlandes, eher vergessen.

KONZEPT Im Zentrum

Es mag auch der Reiz der abgelegenen Grenzregion und seiner wechselvollen Geschichte sein, warum Im Zentrum seit der Auftaktveranstaltung im September 2016 eine positive und offene Aufmerksamkeit vom lokalen und auswärtigen Publikum erntet. Das Altvatergebiet/Jeseniky, dem einst eine zentrale Rolle in der mitteleuropäischen Geschichte zukam, ist heute – vor allem für die jüngere Generation – meist ein gänzlich unbekannter Flecken auf der Landkarte. Seit der Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen und dem nahezu kompletten Austausch der Bevölkerung durch die Neuansiedlung von Menschen unterschiedlicher Herkunft ist ein großer Teil der kulturellen Identität und auch des Wissens in der Region über diese historisch gewachsene Identität verloren gegangen. 

 

Vor diesem Hintergrund ist die Ausrichtung der Festivalreihe mit Künstlern, Schriftstellern und Musikern unterschiedlicher Kulturen Herausforderung und Chance zugleich für zukunftsorientierte Begegnungen und langfristig angelegte Projektentwicklungen vor Ort, welche die thematische Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren ermöglichen. Schon heute zeigt sich, wie wir im Herzen von Europa durch Kunst und Kultur Brücken schlagen und auch Berührungsängste und Vorurteile auf allen Seiten überwinden können.

 

Der Programmfokus von Im Zentrum lag in den ersten beiden Jahren auf der Suche nach der verdrängten Geschichte in der Altvaterregion. In Zukunft möchten wir den inhaltlichen Rahmen des Festivals erweitern und aktuelle soziale und ökologische Brennpunkte, die uns über alle Grenzen hinweg immer mehr beschäftigen, als Themenkomplex einbeziehen: wie ist heute, 29 Jahre nach dem Mauerfall und der Samtenen Revolution, unser Verständnis von Identität innerhalb Europas im Beziehungsgeflecht von Klimawandel, Migration und Demokratieverdrossenheit, und welche vermittelnde Rolle können Kunst und Kultur hierbei spielen?

 

Ausgehend von einst blühenden, historischen, heute vergessenen oder bedeutungslos scheinenden Ortschaften wie z.B. Uhelná/Sörgsdorf, Vlčice/Wildschütz, Bernartice/Barzdorf, Javorník – Račí údolí/ Jauernig – Krebsgrund, Zálesí/Waldek, Bílá Voda/Weißwasser, Vidnava/Weidenau, Lipová-lázně/Lindewiese oder Velké Kunětice/Groß Kunzendorf (CZ)/Slawniowice (PL), werden Künstler, Schriftsteller und Musiker (CZ, DE) gemeinsam mit Zeitzeugen und interdisziplinären Projektpartnern die tschechische Region um Jeseník/Freiwaldau beleuchten.